← schutznetz.berlin
Leitfaden: Schutzpräsenz, die hilft — und nicht schadet
Seit dem 7. Oktober 2023 leben viele jüdische Berlinerinnen und Berliner mit einer Angst, die von
außen unsichtbar bleibt: Namen verschwinden von Klingelschildern, Ketten unter dem Pullover,
Geschäfte überlegen, ob sie am Wochenende öffnen. Der 31. Oktober liegt neun Tage vor dem
9. November — dem Jahrestag der Pogromnacht 1938, in der jüdische Geschäfte in Berlin gezielt
zerstört wurden. Das ist der Kontext, in dem dieses Netz arbeitet.
Deshalb gilt hier: Sorgfalt vor Tempo, Angebot vor Aktion, Abstimmung vor Alleingang.
1. Grundhaltung: Angebot, nicht Übergriff
- Niemand wird „beschützt", der nicht gefragt wurde. Und niemand wird gefragt „Ist Ihr Laden jüdisch?" —
diese Frage ist selbst ein Outing. Der Weg führt über Betroffene, die sich melden, oder über vertraute
Dritte: Gemeinde, Nachbarschaft, Bekannte.
- Jüdische Einrichtungen haben eigene Sicherheitsstrukturen. Synagogen, Gemeindezentren, Schulen und
Kitas stehen unter polizeilichem Objektschutz und werden von professionellen Sicherheitsdiensten der
Gemeinschaft betreut. Dort stellen wir uns nicht ungefragt davor: Das kann Polizeiarbeit stören,
Lagebilder verfälschen und Situationen verschärfen. Dort gilt: anbieten, abstimmen — sonst fernbleiben.
- Unser Platz sind Geschäfte, Lokale, Praxen und kleine Einrichtungen, die um Präsenz gebeten haben,
sowie die Umgebung von Versammlungsrouten, wenn Betroffene dort Begleitung wünschen.
- Wir sind Nachbarn, keine Miliz. Der Wert solidarischer Präsenz liegt darin, dass Betroffene nicht
allein sind — und dass Angreifer Zeugen haben.
2. Vor dem 31. Oktober — für Betroffene
- Polizei einbinden. Den örtlichen Polizeiabschnitt informieren: Sorge, Adresse, Öffnungszeiten,
Erreichbarkeit. Nach Objektschutz und Streifenpräsenz fragen. Die Berliner Polizei berät auch präventiv
zu Objektsicherheit — polizei.berlin.de.
- Gemeinschaftsstrukturen nutzen. Wer einen Bezug zur Jüdischen Gemeinde hat, nimmt Kontakt zu deren
Sicherheitsverantwortlichen auf — sie kennen die Lage am besten und koordinieren mit der Polizei.
- Praktisches entscheiden, ohne Scham. Auslagen reduzieren, Kameras prüfen, Notfallkontakte für
Mitarbeitende sichtbar machen. Und: An diesem Tag zu schließen ist kein Nachgeben, sondern eine
legitime Entscheidung. Niemand schuldet jemandem Mut.
- Mit uns abstimmen. Zeitfenster, Ansprechperson, gewünschte Form: sichtbar draußen, unauffällig
in der Nähe, oder nur auf Abruf erreichbar. Ihr Ort kommt ausschließlich mit Ihrem Einverständnis in
unsere interne Liste — nie auf eine öffentliche.
- RIAS kennen. Vorfälle, auch unterhalb der Strafbarkeit, dokumentiert die Recherche- und
Informationsstelle Antisemitismus: report-antisemitism.de.
3. Am Tag — für Helferinnen und Helfer
Bei Gewalt oder konkreter Bedrohung: 110. Abstand. Betroffene in Sicherheit bringen
(in den Laden, weg von der Straße). Keine Verfolgung, kein Festhalten, keine Heldentaten.
Notwehr und Nothilfe sind Recht — nicht Auftrag.
- Immer zu zweit. Nüchtern, ausgeschlafen, Handy geladen, Powerbank dabei, Zugang zur
Einsatzzentrale vorab getestet. Check-in bei Ankunft, Check-out beim Gehen.
- Kleidung: normal. Keine Uniform-Optik, keine Vermummung, keine Waffen, keine Schutzausrüstung.
Alles, was nach Bürgerwehr aussieht, gefährdet die Betroffenen mehr, als es schützt.
- Position: in Sichtweite, nicht als Türsteher. Freundlich, ansprechbar, präsent. Kundinnen und
Kunden sollen sich willkommen fühlen, nicht kontrolliert.
- Bei Provokation: nicht diskutieren, nicht ins Gesicht filmen, Abstand halten, Partner im Blick
behalten. Beleidigungen und Drohungen dokumentieren — Zeit, Ort, Wortlaut, Aussehen, Richtung — und
nicht erwidern. Dokumentation ist unser stärkstes Werkzeug.
- Wenn Betroffene es wünschen: Begleitung zum Auto, zur Bahn, nach Hause. Fragen, nicht annehmen.
- Pausen einplanen. Wer merkt, dass es zu viel wird, sagt es und wird abgelöst. Niemand hält durch
um jeden Preis — ein erschöpfter Helfer ist ein Risiko, kein Schutz.
- Jeden Vorfall melden: sofort in der Einsatzzentrale (Lage), später an RIAS.
Rechtlicher Rahmen in einem Absatz: Präsenz im öffentlichen Raum ist erlaubt. Wer angegriffen
wird oder einen Angriff auf andere abwehrt, handelt in Notwehr bzw. Nothilfe (§ 32 StGB). Ein Festhalten
auf frischer Tat (§ 127 StPO) ist rechtlich möglich, aber ausdrücklich nicht unsere Aufgabe — das
Risiko für alle Beteiligten ist zu hoch. Filmen zur Beweissicherung ist zulässig; Veröffentlichung von
Gesichtern nicht.
4. Nach dem Tag
- Check-out und kurzer Austausch im Team: Was war, was hat gefehlt, wer braucht etwas?
- Vorfälle an RIAS melden — auch die ohne Polizeieinsatz. Ein vollständiges Bild entsteht nur aus
allen Meldungen; ein ruhiger Tag ist auch ein Befund.
- Nachsorge: Wer Belastendes erlebt hat, bekommt Ansprechpartner — Opferberatungsstellen in Berlin
beraten kostenlos und vertraulich, auch Zeuginnen und Zeugen.
- Daten löschen. Die Einsatzdaten werden nach dem Einsatz gelöscht, wie in der
Datenschutzerklärung zugesagt.
- Dank. An die Betroffenen, die uns vertraut haben. Und an alle, die gestanden haben.
5. Was Schutznetz nicht ist
Kein Ersatz für die Polizei. Kein Ersatz für die Sicherheitsstrukturen der jüdischen Gemeinschaft.
Keine Gegendemonstration. Keine Organisation mit Mitgliedschaft. Ein Netz von Menschen, die an einem
Tag dafür sorgen, dass niemand allein vor seiner Tür steht.
Orientierung: Empfehlungen des OSZE-Büros für demokratische Institutionen und Menschenrechte (ODIHR) zum
Sicherheitsbedarf jüdischer Gemeinden · Lageberichte der RIAS Berlin · Präventionsangebote der Polizei Berlin.
Dieser Leitfaden ersetzt keine Rechtsberatung und keine polizeiliche Lagebeurteilung.